ElringKlinger AG
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WANDEL
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Baden-Württemberg ist nicht nur die Geburtsstätte des Auto­­mobils und Stammsitz des Automobilzulieferers ElringKlinger. Das Bundesland, dessen industrielle Wertschöpfung noch stark am Verbrennungsmotor hängt, will auch zur Modellregion für neue Mobilität werden. Wie das gelingen kann, darüber sprechen Minister­präsident Winfried Kretschmann und Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger AG.

WOLF — Der Koalitionsvertrag Ihrer Landesregierung sieht den beschleunigten Übergang zu Elektromobilität und anderen alternativen Antrieben vor. Wie rasch soll der Umstieg auf das Elektroauto erfolgen?

KRETSCHMANN — Das ist nicht so leicht zu beantworten, denn die Akzeptanz des Elektroautos hängt nicht nur von den Vorgaben der Politik, sondern auch von den Kundenwünschen ab. Dass es eher schwergängig anläuft, hat unter anderem mit dem Preis zu tun, vor allem aber mit den bisherigen Reichweiten der meisten Modelle. Sobald die neue Modellpalette unserer Automobilindustrie verfügbar ist, wird die Nachfrage aber steil ansteigen – davon bin ich fest überzeugt. Alleine schon, wenn wir an China denken, das vermutlich eine Quotenregelung für Elektroautos einführen wird.

WOLF — Seit Herbst 2015 ist eine Dynamik ent­standen, die alle gesellschaftlichen Gruppen erfasst hat. Diese Dynamik müssen wir in der Automobil- und in der Zulieferindustrie aufgreifen, um schneller Lösungen für Themen wie Reichweite und Akku­kapazität zu erarbeiten. Bei ElringKlinger arbeiten wir seit 15 Jahren an Zukunftsthemen wie Batterie, Brennstoffzelle oder Karosserie-Leichtbau – kon­se­quenter Leichtbau verhilft Elektrofahrzeugen zu einer größeren Reichweite und gewinnt daher an Bedeutung.

KRETSCHMANN — Zusätzlich zum Elektroantrieb kommen ja auch noch das autonome Fahren, die digitale Vernetzung aller Verkehrsträger sowie die sogenannte Plattformökonomie, die das Käuferverhal­-ten verändern. Da ist richtig etwas im Umbruch. Die Wertschöpfungsketten in Baden-Württemberg hängen jedoch immer noch sehr stark am Verbrennungsmotor. Den Transformationsprozess dahingehend zu meistern, dass die Wertschöpfungsketten und damit die Arbeitsplätze erhalten bleiben, ist eine gigantische Aufgabe. Dazu müssen wir in eine strategische Partner­schaft kommen, in der Politik und Wirtschaft den Wandel kontinuierlich gemeinsam gestalten.

WOLF — Richtig, gleichzeitig muss jedoch jedes einzelne Unternehmen für sich beantworten, wie es den Wandel so begleitet, dass es wettbewerbsfähig ist und Arbeitsplätze erhält oder schafft. Wir haben zum Beispiel vor zehn Jahren noch 80 Prozent unseres Umsatzes mit Dichtungen für Verbrennungsmotoren gemacht, heute sind es noch etwa 20 Prozent. Dazu war es notwendig, frühzeitig in Technologien zu investieren, die sich nicht sofort bezahlt machten. Heute können wir sagen: Wenn der Schalter umgelegt wird und nur noch Elektroautos produziert würden – ein zugegebenermaßen unrealistisches Szenario –, dann kann sich unser Wertanteil je Fahrzeug erhöhen. Trotzdem finde ich es richtig, dass sich Fahrzeughersteller und Zulieferer mit der Politik zusammensetzen, um gemeinsam die Richtung zu bestimmen. Die technologische Führungsrolle zu behalten, das schaffen wir nur gemeinsam.

KRETSCHMANN — Wir stehen am Übergang zu einer neuen Technologie. Das bedeutet auch: Die alte Technologie muss die Erträge erwirtschaften, mit denen die Investitionen in neue Technologien bezahlt werden. Das ist ein anspruchsvoller Weg, vor allem für die kleinen und mittleren Unternehmen. Zumal wir nicht mit Bestimmtheit sagen können, wohin der Weg ­technologisch geht. Wir haben verschiedene Alter­nativen: Batterie, Brennstoffzelle, Treibstoffe der dritten Generation sowie der Hybrid als Übergangstechnologie. Solch disruptive Entwicklungen sind immer mit erheblichen Risiken verbunden. Deshalb müssen wir vermeiden, dass wir zu disruptiven Technologien nicht auch noch disruptive Politik machen.

»Die technologische Führungsrolle zu behalten, das schaffen wir nur gemeinsam.«


DR. STEFAN WOLF –
Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger AG

WOLF — Bleibt Baden-Württemberg also das Silicon Valley der Automobilindustrie?

KRETSCHMANN — Unsere Stärke liegt darin, dass wir in Baden-Württemberg alles Notwendige haben, um weiterhin eine führende Rolle zu spielen – im umfassenden Sinne. Unsere Betriebe und deren Mitar­beiterinnen und Mitarbeiter wissen, was Kunden wollen und kennen die industriellen Prozesse. Nebenbei bemerkt: Wir können nicht nur Auto. Wir haben im mittleren Neckarraum eines der am besten ausgebauten Verkehrssysteme. Das müssen wir zusammenbringen. Das hat auch eine ökologische Dimension. Weltweit werden hunderte Millionen Autos hinzu­kommen. Wenn das auf der gleichen technischen Basis wie bisher passiert, würde das den Planeten ruinieren.

WOLF — Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Stärken im internationalen Wettbewerb auch künftig nutzen können. Ein Beispiel dafür: Ende letzten Jahres haben wir uns an hofer beteiligt, einem Unternehmen, das einen kompletten elektrischen Antrieb entwickelt hatte. Als die Industrialisierung anstand, suchte das Unternehmen einen Partner, der das notwendige Produktions-Know-how einbringt. Da kamen wir ins Spiel und haben an der Produktionsgesellschaft sogar die Mehrheit übernommen. 3.000 Antriebe liefern wir im Rahmen eines ersten Kleinserienauftrags. Übrigens haben wir ein Entwicklungsbüro im Silicon Valley eröffnet und können dort beobachten, wie schwer sich reine Software-Unternehmen mit der Produktion tun. Für solche Unternehmen sind wir ein Partner, mit dem sie die industrielle Umsetzung meistern können.

»Die alte Technologie muss die Erträge erwirtschaften, mit ­denen die Investitionen in neue Technologien bezahlt werden.«


Winfried Kretschmann –

Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg

KRETSCHMANN — In Anlehnung an das Silicon Valley haben wir im Dezember letzten Jahres das Cyber Valley im Land gegründet. Dort arbeiten Forschungsgesellschaften, Universitäten, Großunternehmen und einige Mittelständler an Themen wie beispielsweise der Künstlichen Intelligenz. Wir wollen unsere Wissenschafts- und Entwicklungslandschaft fit machen für den internationalen Wettbewerb. Dabei geht es einerseits darum, die besten Köpfe zu bekommen. Denn letztlich sind es Menschen, die kreativ sind. Andererseits muss ein schneller Transfer des Wissens aus der Forschung in die Betriebe hinein, auch in die kleinen und mittleren, erfolgen. Dazu gehört auch, dass wir Start-ups stärker fördern. Natürlich können wir das Silicon Valley nicht imitieren, aber die Stärkung der Innovationskultur statt einer Fehlervermeidungskultur gehört dazu. Wer jedes Risiko zu vermeiden versucht, der bringt auch nichts zustande.

WOLF — Herr Ministerpräsident, herzlichen Dank für das Gespräch!