ElringKlinger AG
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Automobil und Antrieb – quo vadis?

Der Vorstandsvorsitzende der ElringKlinger AG, Dr. Stefan Wolf, im Zwiegespräch mit dem Extrembergsteiger, Umweltschützer und ehemaligen EU-Parlamentarier Reinhold Messner

WOLF — Herr Messner, Sie stehen wie kaum ein anderer für die Erhaltung der Bergwelt und für umweltgerechte Mobilität. Wie kommen Sie denn von Bozen nach Innsbruck?

MESSNER — Mit dem Auto. Ich fahre ein Hybrid, das einen klassischen Verbrennungsmotor mit einem Elektroantrieb kombiniert, und eigentlich verbrauchsarm ist. Für die Bergwelt ist ein Hybrid allerdings zu schwer und man braucht bergwärts viel Schwung. In so einer Umgebung hat man dann keinen echten Verbrauchsvorteil. Die Technik funktioniert im Stadtverkehr gut, ist in den Alpen aber nicht die Lösung.

WOLF — Wir haben uns an die uneingeschränkte Mobilität gewöhnt. Das Auto steht vor der Tür und macht dies möglich. Aber es wird immer teurer, von A nach B zu kommen. Vielleicht müssen wir uns künftig an Einschränkungen gewöhnen.

MESSNER — Wir Europäer müssen mobil bleiben, sonst verlieren wir den Anschluss an den Rest der Welt. Mobilität ist eine Grundvoraussetzung unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems. Wir sind eine mobile Gesellschaft. Das gehört zu unserer Gewohnheit, um nicht zu sagen zu unserer Kultur. Es gilt, die Art der Mobilität zu hinterfragen.

WOLF — Unsere Aufgabe als Automobilzulieferer ist es, diese Mobilität auch für die Zukunft mit zu garantieren.

MESSNER — Wir werden umbauen müssen. In den nächsten zehn Jahren sehe ich vor allem eine Optimierung beim jetzigen Antrieb. Motoren, die vor 15 Jahren noch 15 Liter verbraucht haben, benötigen heute nur fünf Liter. Der Verbrauch wird noch weitaus geringer werden. Die Reduktion des Verbrauchs ist ein großer Erfolg. Damit wird auch die Umwelt sauberer.

„Mit welchem Antrieb wir in 20 Jahren fahren, das kann heute noch keiner mit Gewissheit sagen. Wir als Zulieferer jedenfalls dürfen keinen Zug verpassen.“

DR. STEFAN WOLF

WOLF — Ja, und dabei gilt die Formel: weniger Gewicht = weniger Verbrauch = weniger CO2. Es stellt sich aber die Frage, wie die Welt in 30 Jahren aussieht und mit welcher Antriebstechnik wir dann unterwegs sind?

MESSNER — Der entscheidende Umbruch kommt erst, wenn die Förderung der fossilen Brennstoffe noch teurer geworden ist. Vor 50 Jahren haben die Menschen 50 % ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben. Jetzt sind es nur noch 12 %. Was wir stattdessen heute für Energie ausgeben, ist exorbitant.

WOLF — Wir brauchen Alternativen, nicht nur für Nischenfahrzeuge. Dafür müssen wir schon heute die technologische Vorarbeit leisten. Als Zulieferer arbeiten wir daran mit hohem Aufwand mit. Immerhin kommen 75 % der Wertschöpfung im Fahrzeug vom Zulieferer.

MESSNER — Es wird neue Lösungen für die Mobilität geben müssen. Ob die neue Antriebstechnologie für die breite Masse die Brennstoffzelle oder der Batteriebetrieb oder aber Biotreibstoffe sein werden, ist noch nicht entschieden. Wobei ich nicht an Biotreibstoffe aus Nahrungsmitteln denke, das halte ich für nicht vertretbar. Welche Technologie sich am Ende durchsetzt, will ich nicht voraussagen müssen.

WOLF — Die Brennstoffzelle mit Wasserstoffantrieb halte ich für eine sehr gute Lösung, weil Sie die Energie an Bord generieren und nicht wie beim Batterieantrieb extern erzeugen und dann aufwendig an Bord speichern müssen. Das ginge zu Lasten der Gesamtenergiebilanz.

MESSNER — Ich dagegen bin überzeugt, langfristig wird die Biologie eine Lösung liefern. Mikroben können durch Gärprozesse aus biologischen Abfällen oder Kläranlagen Biogas und letztlich Treibstoff liefern. Der CO2-Ausstoß allerdings bliebe hoch.

WOLF — Auch die wasserstoffbetriebene Brennstoffzelle hat Perspektive. Der Vorteil ist, dass man den Wasserstoff durch Hydrolyse von Wasser gewinnen kann. Wasser ist unendlich vorhanden. Das wäre aus meiner Sicht die richtige Technologie. Aber das dauert noch eine Weile. Heute betreiben wir die Brennstoffzellen ja zumeist mit aus fossilen Brennstoffen reformiertem Wasserstoff.

MESSNER — Mit der gleichen Technologie – der Brennstoffzelle, kombiniert mit aus Wind und Sonne elektrisch generiertem Wasserstoff – kann man auch den Haushalt betreiben, heizen, Maschinen bedienen. Das wäre eine effiziente und saubere Lösung.

WOLF — Wobei das im stationären Bereich viel einfacher ist als im Mobilbetrieb. Wir entwickeln zum Beispiel Brennstoffzellenstacks, die in Blockheizkraftwerken eingesetzt werden. Dabei wird im Kraft- Wärme-Kopplungsprinzip Strom generiert und mit der Abwärme geheizt. Glauben Sie, dass die Automobilindustrie heute schon genug für die Mobilität der Zukunft tut? Wir bei ElringKlinger haben neue Produkte im Bereich Brennstoffzellentechnik, aber auch in der Batterietechnik entwickelt. Auf Sicht von fünf Jahren würde das wegen der hohen Vorleistungen finanziell keinen Sinn ergeben. Aber letztlich stellen wir uns damit für die Zukunft auf.

MESSNER — Ich glaube, dass die Automobilindustrie sehr viel in Alternativen investiert. Alle wissen: Es geht so nicht mehr weiter. Aber solange durch Optimierung wie dem Downsizing des Verbrennungsmotors bei Kosten und Verbrauch Potenzial vorhanden ist, ohne die Infrastruktur und das System zu verändern, und gleichzeitig die Herstellung von Autos mit Brennstoffzelle und Batterie so teuer ist, werden sich die neuen Technologien nur schwer durchsetzen. Als Nischenanwendungen ja, aber nicht in der breiten Masse. Dafür sind sie noch zu teuer.

WOLF — Wir dürfen auch nicht vergessen, dass jede alternative Antriebstechnik oder Form der Energiegewinnung den Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur voraussetzt. Das hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Lebensumgebung. Sollten in den nächsten 20 Jahren immer mehr Brennstoffzellen und die Batterietechnik kommen, heißt das für die Landschaft: Wir haben Windräder und riesige Solarparks, die Flächen werden überbaut. Man hat dann zwar grüne Energieformen, aber riskiert eine zerstörte Flächenstruktur.

„Mobilität ist nicht gut oder schlecht, sie ist in der modernen Gesellschaft eine Notwendigkeit.“

REINHOLD MESSNER

MESSNER — Unsere Gesellschaft ist egoistisch geworden. Alle sind für alternative Energien. Aber wenn eine Stromleitung im Blickfeld ist oder eine Solaranlage vor dem Garten, dann sieht die Sache anders aus. Es gilt hier, je nach den Gegebenheiten vor Ort, einen sinnvollen Mittelweg zu finden. Auch ich würde mich in meinem Dorf wehren, wenn mir mit Windrädern die Chancen im Tourismus geraubt würden. Ein Windrad kann aber auch eine Landmarke sein – die Frage ist, wo es steht!

WOLF — Das ist auch eine Frage des Landschaftsschutzes. Den muss man verankern.

MESSNER — Den Flächenüberbau mit Solaranlagen finde ich nicht nur nicht schön, er ist auch sozialpolitisch nicht verträglich, weil wir diese Fläche brauchen, um Nahrungsmittel herzustellen. Und in Zukunft gilt dies mehr und mehr, denn wir werden mehr auf dieser kleinen Erde. Wenn ich, wie in Südtirol, Fremdenverkehr betreibe, darf ich den Gästen, die hierherkommen, um die Landschaft anzuschauen, die Landschaft nicht mit Windrädern und Solarparks verstellen. Tourismus ist wie Öl verkaufen. Beides schafft Einnahmen. Aber ich muss eines dafür machen: Ich muss die unverwechselbare Landschaft hier so erhalten wie sie ist, so dass sie auch in 100 Jahren noch wertvoll für unsere Gäste ist. Beim Öl ist es anders: Wenn es verkauft ist, ist alles vorbei.

WOLF — Wie sehen Sie denn die Entwicklung in Asien und anderen stark wachsenden Schwellenmärkten? Immer mehr Menschen verfügen dort über steigende Einkommen und sehen das Auto als Statussymbol. Dabei fahren erst 37 von tausend Chinesen ein Auto. Mittlerweile werden dort fast 18 Millionen Fahrzeuge jährlich neu zugelassen.

MESSNER — Die Massenmotorisierung in diesen Ländern kommt. Sie ist nicht aufzuhalten. Die Fahrzeugdichte wird vielleicht nicht so hoch wie bei uns, aber in China lebt mehr als eine Milliarde Menschen. Dies schafft natürlich entsprechende Umweltprobleme. Und das Umweltbewusstsein ist längst nicht in allen Schwellenländern so ausgeprägt wie etwa in Deutschland oder Südtirol. In China kaufen die Leute schon neue, vergleichsweise saubere Autos. In anderen Schwellenmärkten wird die Luft dagegen mit Zweitaktmotoren verpestet. Nepal ist ein Beispiel dafür.

WOLF — Länder wie Indien und China werden den Evolutionsschritt zur individuellen Mobilität, den wir in Europa hatten, nicht überspringen wollen.

MESSNER — Nein, sie werden es nicht tun. In China wollen die Menschen das Auto als Statussymbol oder auch, um mobil zu sein. Ein eigenes Fahrzeug wird rasch Teil des Freiheitsgefühls.

WOLF — Deswegen müssen Autos sauberer werden und weniger CO2 und Feinstaub ausstoßen.

MESSNER — Richtig, trotzdem bleibt die Umweltdiskussion mehr oder weniger eine politische Diskussion, von Politikern und Medien vorgegeben. Der Bürger denkt noch nicht so. Das sieht man. Die Verkaufszahlen von Hybrid- oder reinen Elektrofahrzeugen sind deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben, weil die Menschen nicht bereit sind, 5.000 oder 10.000 Euro mehr auszugeben für einen alternativen Antrieb. Sie warten darauf, bis ein alternativer Antrieb genauso günstig ist wie ein normales Auto.

WOLF — Die Rolle des Automobils hat sich in Europa stark gewandelt, besonders bei Jugendlichen. Für sie ist das Automobil kein Statussym bol mehr, sondern vor allem Transportmittel. Wird Mobilität von jungen Menschen anders gesehen und zukünftig auch mit Blick auf das Thema Umweltbewusstsein anders gestaltet?

MESSNER — In meiner Generation haben wir mit 20 Jahren ein Auto gekauft. Unsere Gesellschaft hat dann Autofahren 50 Jahre lang ohne Hemmungen genossen. Wir hatten auch in der Stadt das Auto vor dem Haus. Meine Kinder wollen das nicht mehr. Sie sind viel bewusster, was die Umwelt und den Verbrauch betrifft. Viele leben heute in Ballungszentren, gehen zu Fuß zur Arbeit oder fahren mit dem Fahrrad oder der S-Bahn. Car Sharing ist in Mode gekommen oder man nimmt ein Leihauto für einige Tage, wenn man es unbedingt braucht. Aber Mobilität bleibt ein Grundanliegen.

WOLF — Wenn Sie in den nächsten drei bis fünf Jahren einen neuen Wagen anschaffen, was kaufen Sie?

MESSNER — Also, wenn es einen Wagen mit Brennstoffzellentechnik gibt, der funktioniert, werde ich es versuchen. Ich habe lange Zeit davon geträumt, eine Brennstoffzelle zu fahren. Aber ich habe sie noch nicht, weil es sie auf dem Markt im Grunde noch nicht gibt. Ich erinnere mich an einen Hersteller, der bereits 1995 versprochen hatte: In fünf Jahren fahren wir alle mit Brennstoffzelle. Es ist jetzt 2013 und wir fahren immer noch nicht mit Brennstoffzelle. Es ist eine sehr komplexe Technologie. Aber ich glaube, es besteht Hoffnung, dass es bald so weit ist. Bis dahin bleibe ich bei einem Wagen mit verbessertem Verbrennungsmotor und verlässlicher Technik, nutze für mittlere Strecken die Bahn und außereuropäisch das Flugzeug.