ElringKlinger AG
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Perfekt abspringen, die Balance halten, möglichst weit kommen und dann sicher landen: Wie gut das gelingt, hängt wesentlich von der Vorbereitung ab – das gilt nicht nur für das Skispringen, sondern auch für den raschen Wandel in der Automobilindustrie. Im Schwarzwälder Skimuseum in Hinterzarten trafen sich Skisprung­legende Martin Schmitt und Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender von ElringKlinger, zu einem Gedankenaustausch.

WOLF — Hat man als Profi-Skispringer noch Angst, wenn man vor einem ent­scheidenden Sprung ganz oben auf der Schanze steht?

SCHMITT — Natürlich entwickelt man eine gewisse Routine, aber der Instinkt fragt auch nach Jahren noch immer: Willst Du das wirklich? So steigt der Puls trotz der objektiv eher niedrigen körperlichen Belastung auf 150 Schläge pro Minute.

WOLF — Bekommt man das in den Griff?

SCHMITT — Ja, letztlich ist entscheidend, dass man das Gefühl hat, eine Situation erfolgreich meistern zu können. Deshalb ist es in der mentalen Vorbereitung wichtig, zunächst zu ergründen, ob die eigene Angst begründet ist. Dabei hilft der Rückgriff auf Schlüssel­situationen in der Vergangenheit. Jeder Sieg stärkt das Selbstvertrauen. Solche Situationen gibt es nicht nur im Skispringen, sondern auch in der Arbeitswelt. Auch hier gilt es zunächst zu analysieren, ob man alle Voraussetzungen geschaffen hat, um in einer Situation erfolgreich zu sein. Das trifft bestimmt auch auf ElringKlinger zu.

WOLF — Das lässt sich in der Tat übertragen. Die Automobilindustrie steht mit der Elektromobilität vor großen Veränderungen, die manchem Angst machen. Doch auch hier ist die Vorbereitung entscheidend. So haben wir vor 15 Jahren angefangen, Komponenten für Brennstoffzellen zu entwickeln. Vor acht Jahren haben wir begonnen, Zellverbinder für Lithium-Ionen-Akkus zu entwerfen. Mittlerweile bieten wir komplette Batteriemodule an. Zudem haben wir unser Portfolio um Leichtbau-Karosseriekomponenten erweitert. Denn weniger Gewicht bedeutet eine bessere Energiebilanz – das gilt für Autos mit Verbrennungs­motor genauso wie für Elektrofahrzeuge. Deshalb habe ich keine Angst vor dem Umbruch, der nun bevorsteht, auch wenn er deutlich schneller kommen wird als wir noch vor drei Jahren gedacht haben.

SCHMITT — Gewicht ist in unserer Sportart natürlich auch entscheidend. Auch wenn das Reglement vorsieht, dass ein Sportler mit geringerem Gesamtgewicht kürzere Ski haben muss und damit über weniger Tragfläche verfügt, verbleibt ihm dennoch ein Vorteil. Dazu hat die Entwicklung neuer Bindungssysteme beigetragen, die aerodynamisch günstigere Flug­positionen ermöglichen. Insgesamt wurde der Spielraum, den uns das Reglement lässt, in den vergangenen Jahrzehnten immer kleiner.

WOLF — Das gilt für uns auch! Durch die strengeren CO2-Flottengrenzwerte wächst der Druck auf die Fahrzeughersteller, schnell möglichst viele Elektrofahrzeuge zu verkaufen – erst recht, wenn der Marktanteil des Dieselmotors weiter sinkt. Die nun für die Jahre 2025 und 2030 diskutierten Grenzwerte sind ohne einen nennenswerten Anteil CO2-freier Antriebs­konzepte nicht zu erreichen.

»Die Automobilindustrie steht vor großen Veränderungen. Die Herausforderung besteht darin, ein Unternehmen rechtzeitig darauf vorzubereiten.«


Dr. Stefan Wolf,
CEO der ElringKlinger AG

SCHMITT — Ist denn allen bewusst, was dieser Absprung in neue Zeiten bedeutet?

WOLF — Ja, tatsächlich besteht die Herausforderung darin, ein Unternehmen, das bis heute sehr erfolgreich als Zulieferer für Verbrennungsmotoren tätig ist, rechtzeitig auf den Wandel vorzubereiten und gleichzeitig die Mitarbeiter mitzunehmen. Bei ElringKlinger ist uns das gut gelungen – nicht nur durch technische Schulungen, sondern auch, indem wir offen kommunizieren und die Chancen aufzeigen, die die neue Antriebswelt für uns bietet.

SCHMITT — An Rahmenbedingungen, die man nicht ändern kann, muss man sich anpassen, wenn man erfolgreich sein will. So entwickelt zum Beispiel jeder Ski­springer mit den Jahren einen bestimmten Stil. Wenn der eigene Stil besonders von Aufwind profitiert, muss man trotzdem in der Lage sein, bei Rückenwind exzellente Leistungen zu bringen. Vor allem geht es darum, im Sprung situativ zu reagieren. Manchmal fährt man oben los und weiß gar nicht genau, was einen in der Luft erwartet. Auch das ist Gegenstand einer guten Vorbereitung. Dazu gehört auch, Risiken im Vorfeld abzuwägen.

WOLF — Welche Rolle spielt denn eigentlich das Team in einer solchen Vorbereitungsphase?

SCHMITT — Wenn man sich die Weltspitze anschaut, dann ist zu erkennen, dass Topleistungen oft in bestimmten Teams entstehen, obwohl es sich um eine Einzelsportart handelt. Das ist darauf zurückzuführen, dass Skispringer das ganze Jahr über in einer Mannschaft trainieren. So standen Sven Hannawald und ich über viele Jahre jeden Tag gemeinsam hier in Hinterzarten auf der Schanze. Wir haben uns gegenseitig zu Höchstleistungen angetrieben.

»Im Skispringen wie in der Arbeitswelt gilt es genau zu analysieren, ob man alle Voraussetzungen geschaffen hat, um in einer Situation erfolgreich zu sein.«


Martin Schmitt,

ehemaliger Welt­klasse-Skispringer

WOLF — Richtig. Und es kommt noch ein Aspekt hinzu: Teams zu bilden ist auch dann sinnvoll, wenn sich das Know-how ergänzt. So haben wir Ende ver gan genen Jahres einen Kooperationsvertrag mit Chengfei Integration Technology geschlossen, einem erfahrenen chinesischen Hersteller von Batteriezellen. Auf diesem Weg können wir unseren Kunden dort komplette Batteriemodule anbieten. Elektromobilität wird in China – dem mit Abstand größten Pkw-Markt der Welt – schneller kommen als andernorts. Mit unserem Partner sind wir auf den in China unmittelbar bevorstehenden Absprung in die neue Antriebswelt vorbereitet.

SCHMITT — Der Absprung ist in der Tat der entscheidende Moment. Bei uns muss man innerhalb von etwa 250 Millisekunden aus der Abfahrtsposi­tion, die man einnimmt, um möglichst schnell zu werden, in die optimale Flugposition wechseln. Das geht nur mit einem Höchstmaß an Konzentration und Körperkont­rolle. Während des Sprungs kann man schon noch nachjustieren, doch das muss sehr schnell und daher intuitiv passieren. Sie dürfen nicht vergessen, dass der Sprung nicht nur nach der Weite, sondern fast zur Hälfte auch nach der eing­e­nommenen Haltung während des Flugs und der Landung bewertet wird.

WOLF — Die Haltung spielt bei uns zwar keine Rolle, aber mit Sicherheit die Weite. Wenn man beim derzeitigen Wandel zu kurz springt, überlebt man in der Automobilbranche langfristig nicht. Es sind gewaltige Kräfte, die da auf uns einwirken. Noch sind die Marktanteile für Elektrofahrzeuge gering, aber die Steigerungsraten sind hoch. Und vor allem entwickeln unsere Kunden aktuell Fahrzeuge, die ab 2020 hohe Stückzahlen erreichen werden. Für einige dieser Plattformen sind wir heute bereits als Lieferant nominiert. Insgesamt wollen wir bei ElringKlinger mit den Zukunftsfeldern Strukturleichtbau und Elektromobilität im nächsten Jahrzehnt bis zu 25 % des Umsatzes erzielen. Wenn wir zu kurz springen, können wir das nicht erreichen.

SCHMITT — Im Flug weiß man noch nicht, wo man landet, vor allem auf einer großen Schanze. Auch im letzten Flug­drittel kann noch viel passieren. Die Kunst einer guten Landung besteht darin, den richtigen Moment zu erwischen und dabei in Balance zu bleiben.

WOLF — Das werden wir versuchen. Unsere Vorbereitungen für einen optimalen Sprung haben wir jedenfalls getroffen. Herzlichen Dank für das Gespräch!